Wer die Vergangenheit kennt, kann manches – was heute geschieht und für die Zukunft geplant ist – nicht verstehen. Bert Rohrbach, 18. Juli 2019

Der letzte Wolf

Nacherzählung aus “Tschögglberg. Jenesien – Mölten – Vöran – Hafling”, Band 29 “Südtiroler Gebietsführer” von Richard Furggler, Verlagsanstalt Athesia, Bozen, 1981

Früher gab es im Gemeindegebiet von Jenesien Luchse, Bären und Wölfe. Diese waren sehr gefürchtet, zumal sie vor allem in Winterszeiten auch Menschen anfielen. Eine überlieferte Geschichte erzählt, wie nach einem tödlichen Vorfall im Jahr 1824 der letzte Wolf des Gemeindegebietes getötet wurde.

Die Bauersleute vom Lanzunerhof gingen mit ihrem Gesinde zur Mitternachtsmette nach Jenesien. Sie befanden sich gerade auf dem Weg dorthin, als ein “Weibermensch” zurückblieb, weil es den Rosenkranz vergessen hatte. Als die Bauersleute nach der Mette heimgehen wollten, fehlte die Magd. Sie suchten sie vergeblich. Als sie dann endlich den Heimweg antraten, fanden sie eine Hand der Magd auf dem Weg. Der restliche Körper blieb für immer verschwunden.

Kurze Zeit nach diesem tödlichen Vorfall wurde in Glaning der letzte Wolf erlegt.

An die Wölfe erinnern noch heute die vielen Wolfsgruben im Gemeindegebiet. Sie waren an viel begangenen Wegen errichtet worden. Die drei bis vier Meter tiefen Gruben wurden zu Beginn des 17. Jahrhunderts von den Bauern in Fronarbeit errichtet. Sie wurden mit großen Steinblöcken ausgeschichtet und mit Ästen und Zweigen abgedeckt. Der Duft von Aas lockte dann die hungrigen Wölfe in die Falle. In besonders schwierigen Zeiten wurde manchmal auch ein lebendiges Kleintier als Lockmittel geopfert.

In dieser Zeit gab es übermäßig viele Wölfe und die Menschen waren ihres Lebens nicht mehr sicher. So wurde eine Verordnung erlassen, dass beim Vorweisen eines Wolfskopfes eine Prämie ausbezahlt wurde. Diese Prämie hatten viele Bauern kassiert, manchmal auch zwei- und dreimal, indem sie denselben Kopf öfters vorzeigten. Unterbunden wurde diese Bauernschläue, indem bei der Auszahlung der Prämie aus dem Wolfskopf sofort die Zunge herausgeschnitten wurde.

Sehr schöne Wolfsgruben sind heute noch neben Wanderwegen zu sehen, darunter in Kampidell, auf dem Rempenbichl in Richtung Afing und unterhalb des Gasthauses Edelweiß. Interessant ist, dass immer zwei Gruben nebeneinander errichtet worden sind.

PS
Nun muss man nicht unbedingt bis nach Südtirol fahren um sich anzuschauen wie unsere Vorfahren den Wolf bekämpft haben, in Nordhessen – im Nationalpark Kellerwald-Edersee – sind auch noch Wolfsgruben zu finden. … >>> Wolfsgruben-im-Nationalpark-Kellerwald

Worum geht es?
>>> Die nachfolgenden Generationen dürfen wieder Wolfsgruben anlegen, BR, 22.8.19
>>> Autofahrer fährt in Grafeld Wolf an, Ems-Zeitung, 12.8.19
>>> Wolfsriss in Vrees bestätigt, 14 Mio. € für Schutz gegen Wölfe, Ems-Zeitung vom 10.8.19
>>> 83.000 Euro für Jagd auf “Problemwolf”, dpa, 8.8.2019
>>> 13 tote Schafe, zehn weitere verletzt. Wolfsangriff in Vrees, EMS-Zeitung vom 2.8.19