Unsinnige Erziehungsparolen aus früheren Zeiten

Was man anfängt, muss man beenden.

Die Botschaft: „Der Satz soll motivieren, wenn es mal nicht so gut vorangeht, und ermutigt zu Hartnäckigkeit‘ sagt Forstmeier. Natürlich sei es sinnvoll, nicht mitten in einer Aufgabe alles hinzuwerfen, wenn es einem schwerfällt. Durchhaltevermögen und Geduld sind wichtige Eigenschaften, um im Leben zurecht- und auch voranzukommen.
Aber: Warum Bücher weiterlesen, die uns langweilen? Wieso Freundschaften pflegen, die uns nicht guttun? Weshalb an Zielen festhalten, die nicht mehr erreichbar sind?
Wie es auch geht: „Studien haben gezeigt, dass Ältere gesund durchs Leben gehen, wenn sie Ziele nicht stur verfolgen, sondern an die Realität anpassen können”, sagt Forstmeier. Risch ergänzt: „Und wenn es Sie doch umtreibt, dann fragen Sie sich selbst: Muss ich wirklich diese Aufgabe jetzt und heute noch zu Ende bringen? Wenn ja, warum? Was passiert, wenn ich es nicht mache? Welchen Preis zahle ich wiederum, wenn ich jetzt durchackere?“
Neuer Glaubenssatz: Was man anfängt, sollte man beenden – solange es guttut.

Enttäusche mich nicht!

Die Botschaft: Du musst machen, was ich will, sonst bist du ein schlechter Mensch. Das liest Forstmeier aus diesem Satz her aus. Die Aufforderung ist, die eigenen Wünsche hintanzustellen und anderen zu gefallen. Ein ähnlicher Satz: Sei ein braves Kind!
Aber: Immer nur die Erwartungen anderer zu erfüllen und nicht nach den eigenen Bedürfnissen Ausschau zu halten kann schwer belasten. „Das erlebe ich oft bei Patienten“, sagt Forstmeier. „Sie haben Probleme, sich wahrzunehmen, zu sagen, was sie als Mensch ausmacht, und eigene Wünsche zu formulieren.“
Wie es auch geht: „Sie sind ein guter Mensch, auch wenn sie nicht die Erwartungen anderer erfüllen”, sagt Risch. Es sei wichtig, sich in eine Gesellschaft ein zufügen, aber man dürfe dabei nicht sich selbst aus den Augen verlieren. Deshalb: Trauen Sie sich, eine Meinung zu haben, ecken Sie auch mal an, handeln Sie nach eigenen Werten!
Neuer Glaubenssatz: Enttäusche dich nicht!

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Die Botschaft: Im Leben gibt es Pflichten und unangenehme Aufgaben zu bewerkstelligen, sie sind wichtig. Wir können nicht tagein, tagaus nur nach Lust und Laune handeln.
Aber: Arbeit hat demnach mehr Wert als Vergnügen, Entspannung und Genuss. Und nur wer arbeitet, verdient Genuss. „Aber warum darf ich mich erst in den Garten setzen, wenn das ganze Haus geputzt ist? Wieso fünf Stunden drinnen ackern, um dann vor Erschöpfung nicht mal das grüne Draußen genießen zu können? Oder vielleicht dafür dann gar keine Zeit mehr zu haben?”, fragt Risch.
Wie es auch geht: „Es ist in Ordnung zu sagen, ich erledige jetzt den Haushalt, und dann gönne ich mir ein Bad”, sagt Risch. „Es sollte jedoch ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Entspannung herrschen.“ Man müsse auch nicht immer etwas geleistet haben, um sich etwas Gutes zu tun. Man verdient Genuss nicht nur durch Anstrengung, sondern weil man es sich einfach wert ist.
Neuer Glaubenssatz: Mal die Arbeit, mal das Vergnügen.

Eigenlob stinkt.

Die Botschaft: Eine andere Formel lautet auch „Gib nicht so an”. Beide betonen eine alte Tugend: Bescheidenheit. Überheblichkeit wird nicht gern gesehen.
Aber: Weshalb sollte man nicht stolz sein auf die neue Bestzeit beim Walking? Wieso darf jemand nicht freudig berichten, wie gut ihm der selbst gebackene Apfelkuchen geschmeckt hat? Wes halb soll man sich nicht ab und zu selbst auf die Schulter klopfen? „Menschen, die den Leitsatz verinnerlicht haben, können ihre eigenen Leistungen nicht wertschätzen, reden sie klein, halten beeindruckende Fertigkeiten für total normal“, berichtet Risch aus ihrer Praxiserfahrung.
Wie es auch geht: „Warum soll man immer warten, bis einen jemand anders lobt? Das kann man doch genauso gut selbst tun“, sagt die Psychotherapeutin. „Sie dürfen sich loben. Das ist überhaupt nicht verwerflich.“ Schließlich verbessere dies den Selbstwert und damit das Wohlbefinden.
Neuer Glaubenssatz: Eigenlob gewinnt.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Die Botschaft: Im Kindesalter lernen Menschen besonders schnell und leicht dazu. Mit jedem weiteren Lebensjahr wird das mühsamer, dauert länger und braucht mehr Übung. Im Alter geht dann gar nichts mehr.
Aber: Diese Annahme entspricht nicht der Realität. „Auch im Alter lernen wir noch Neues dazu, bestätigen Untersuchungen. Jeden Tag sogar. Wie könnten wir sonst den Haushalt und Alltag bewerkstelligen, uns Rezepte merken, an Aufgaben erinnern, an moderne Technik gewöhnen?“, sagt Forstmeier. Die typische Folge dieser Maxime könne sein, sich mit zunehmendem Alter nichts mehr zuzutrauen, nichts Unbekanntes auszuprobieren oder sich nicht mehr um sein eigenes Wohl zu bemühen.
Wie es auch geht: Vergessen Sie den Satz „Dafür bin ich zu alt“. Täglich spazieren gehen, den Grips anstrengen, sich kleine Herausforderungen suchen: Nachweislich leben aktive Senioren gesünder. „Warum nicht mal einen Kochkurs besuchen oder sich einer Reisegruppe anschließen, um neue Länder kennenzulernen? Vielleicht sogar eine neue Sprache lernen“, sagt Risch. Unser Gehirn kann das, es verzeichnet im Alter nicht nur Verluste. Es ist nur mitunter etwas mühsamer.
Neuer Glaubenssatz: Was Hänschen nicht lernt, kann ja Hans noch lernen. Er braucht nur etwas Geduld.

Quelle. Senioren Ratgeber der Apotheken, Dezember 2018
Psychotherapeutin Anne-Katrin Risch, Uni Jena
Prof. Simon Forstmeier, Uni Siegen